28. April bis 01. Mai 2011 in Baden-Baden | Unmittelbar nach Ostern, mit Ausklang am 01. Mai, fand auch in diesem Jahr der traditionelle 59. SüddeutscheOrthopäden-Kongress statt.

Sicher wurde wieder einmal eine Vielzahl spektakulärer operativer Maßnahmen propagiert, so dass die tägliche Geduld diese gerade zu vermeiden an Sisyphus und seinen Versuch den Stein/Berg hochzubekommen erinnerte. Aber besonders für die Kreuzband- und Wirbelsäulenchirurgie, eigentlich die Domäne einer unüberschaubaren Anzahl an operativen Techniken, bestehen inzwischen deutliche Bedenken, die dann doch eine schweißreiche Physiotherapie favorisieren.

Von der Hilfsmittelindustrie wurden Innovationen auf dem Gebiet der modernen Bandagistik präsentiert. Das Prinzip Hoffnung überwiegt mehr, als dass sich wirklich stützende Verbesserungen der belasteten Gelenke erkennen lassen. Aufgefallen war mir eine sinnvolle Ergänzung der bekannten Manuloc – jetzt mit Daumenstabilisator bei Störungen rund um das Daumensattelgelenk.

Eine Vormittagssession zum Thema Leistenschmerz in der Sportmedizin fand ich von den Kongressvorträgen besonders interessant, zumal der Mannschaftsarzt des VfB Stuttgart über jahrelange Behandlungsergebnisse berichten konnte. 60% der Fußballspieler klagen während ihrer Aktivzeit mindestens einmal über Leistenschmerzen. Erstaunlicherweise sind auch Schwimmer und Läufer davon betroffen, obwohl diese Sportarten nicht mit einem raschen Richtungswechsel und den daraus resultierenden erheblichen Belastungsspitzen für die Leistenregion vergesellschaftet sind. Entsprechend spielt auch die oft geäußerte Verdachtsdiagnose einer sog. „weichen Leiste“ praktisch keine Rolle.

Die Frustration der behandelnden Ärzte steht einer sinnvollen Abklärung der geklagten Beschwerden allzu oft im Wege. Es dauert bis heute durchschnittlich ein Jahr bis das Kernspintomogramm (MRT) in der Diagnostik eingesetzt wird.

Obwohl bei 90% als Ursache Verletzungen der ansetzenden Muskelsehnengruppen ausgemacht werden können, sind diese nur in Ausnahmefällen eine Ursache für die geklagten Beschwerden.

Das MRT mit Kontrastmittel ist nach wie vor die sensibelste Methode, Kapselverletzungen nachzuweisen. Fokussierte MRTs statt MRT-Ganzaufnahmen des Beckens können frühzeitig Ermüdungsbrüche und Knochenentzündungen erkennen lassen.

Eine ausschließlich passive Behandlung (Elektrotherapie/Massage/Medikamente) zeigt nur bei 14% nach sechs Wochen einen Behandlungserfolg, verglichen mit 79% in der aktiven Kontrollgruppe (Physiotherapie mit Schwerpunkt: Koordinations- und Balancetraining).

Stuttgarts Mannschaftsarzt macht Mängel besonders im Saisonvorbereitungstraining für die Überforderung bzw. fehlende muskuläre Stabilisationsmöglichkeiten der Hüft-Beckenregion verantwortlich. Beim Fußballschuss beträgt die Belastung für das linke Hüftgelenk 800 kg, d.h. ca. das 10fache des Körpergewichts, wenn der Spieler mit dem linken Bein landet.

Aus meiner Praxiserfahrung muss ich diesen Beobachtungen uneingeschränkt zustimmen. Ein spezielles Stabilisationstraining der Becken-Hüftregion ist auch für den nicht sportlich Ambitionierten einer der wichtigsten Trainingsbausteine. Jedes gute Fitnessstudio bietet eine Vielzahl an sensomotorischen Kursen an (Step/Wirbelsäulengymnastik/Bosu/Swingstick), aber auch ein Krafttraining auf einer zusammengerollten Gymnastikmatte oder auf weichen Schaumstoffkeilen fördert das Körperbalancevermögen.