16. bis 18. Juni in Hamburg – 60. Jahrestagung der Norddeutschen Orthopädenvereinigung (NOUV)

Einmal mehr wurde die Wichtigkeit physiotherapeutischer Maßnahmen als maßgeblich in der Nachbehandlung von Sportschäden herausgestellt.

Wie schon in meiner Ankündigung mitgeteilt, sind die Beine – und hier besonders das Sprung- und Kniegelenk – unfallanfällig, aber auch, aufgrund der anatomischen Komplexität, ein „Behandlungsdauerbrenner“ in Bezug auf Folgeschäden. Der Mannschaftsarzt des neuen Deutschen Handballmeisters Hamburger Sportverein, Oliver Dierk, kritisierte die oft leichtfertige operative Behandlung von Meniskusschäden, die bei kompletter Meniskusentfernung ein Arthroserisiko von 80%, bei Teilmeniskusentfernung von 41% nach 5 Jahren zur Folge haben. Trotz eines 20%igen Risikos einer weiteren Operation ist die Meniskusnaht Standard (Ausnahme: Meniskusriss in der sog. „weißen Zone“). Eine alleinige Meniskusnaht ohne Behandlung eines Kreuzbandschadens führt bei fast 50% unweigerlich zu weiteren Operationen.

Hauke Mommsen (Mannschaftsarzt von Flensburg-Handewitt) wies mit Nachdruck auf eine suffiziente sensomotorische Nachbehandlung von Knie- und Sprunggelenksverletzungen hin. Es genügt eben nicht, die Außenbandverletzung mit einer Aircastschiene zu versorgen und den Sportler nach 6 Wochen als voll sporttauglich zu erklären, sondern ab der zweiten Woche muss eine spezifische Bewegungsschulung mit Verbesserung der Balance und Koordination erfolgen.

In unserer orthopädischen Privatpraxis erhalten die Sportler bzw. Sportlerinnen von unseren Physiotherapeuten sofort nach dem Unfall manuelle Lymphdrainage sowie ein Lympfkinesiotaping und ab der zweiten Woche beginnen wir mit Stabilisierungsübungen auf dem „Jumper/Bozu“, „Airo-Step XL“ und „Dynair XXL“.

In Übereinstimmung mit dem Vortragenden sehen wir von einer routinemäßigen Benutzung der Aircast ab der zweiten Woche ab. Bewegungsreize gilt es zu nutzen. Joggen auf planem Untergrund ist durchaus nach 14 Tagen sinnvoll, dabei müssen die individuellen Feedbackinformationen des Körpers nicht durch Schmerzmittel verschleiert werden. Nur so werden wir der steigenden Zahl von dauerhaft instabilen Sprunggelenken erfolgreich begegnen können. Die Sprunggelenkverletzung ist keine Bagatellverletzung. Die Reparatur dauert 18 Monate an und ist erst dann abgeschlossen.

Christos Papadopoulus (Mannschaftsarzt von Schalke 04) bestätigte seine Vorredner und wies einmal mehr auf die Notwendigkeit einer nicht nur auf das verletzte Gelenk fokussierten Untersuchung hin. Gerade dieser Punkt scheint mir der entscheidende Ansatz für eine individuelle Behandlungsplanung zu sein. Wir müssen den Patienten mehr Zeit geben, seine Verletzung zu beschreiben und das ärztliche Konzept zu verstehen. Anspruchslose Kraftübungen an Geräten unterfordern unsere Muskulatur. Unser Augenmerk muss der Bewegung und dem Gleichgewicht gelten. Chronische Achillessehnenbeschwerden (Achillodynie), ein Schienbeinkantensyndrom oder ein Patellaspitzensyndrom können ihre Ursache sowohl in einer Fehlbelastung des auftretenden Fußes, als auch in einer Rumpfinstabilität haben.

Dazu führen wir in unserer Praxis Laufanalysen und Muskelfunktionsanalysen (SinfoMedEMG-System) durch, deren gewonnene Ergebnisse ausgiebig diskutiert werden. Dabei wird dem Patienten vermittelt, dass z. B. ein Patellaspitzensyndrom oder eine Achillodynie nicht in 10 Tagen voll funktionsfähig heilen kann.