Noch vor einigen Jahren haben Laufschuhe Bänder, Sehnen und Gelenke von notwendigen Halte- und Stabilisierungsaufgaben befreit. Nun gibt es einen gegenläufigen Trend. Getreu dem Motto: back to nature.

 „Dämpfen, stützen, führen“ – das waren die Prämissen viele Jahrzehnte lang in der Sportschuhindustrie. Nun halten der Trend „Barfuß laufen“ und damit auch die „Barfußschuhe“ Einzug. „Aus sportmedizinischer Sicht ist das Abrüsten des Sportschuhwerks sehr zu begrüßen“, erläutert Dr. Bernhard M. Zahn, Sportmediziner aus Berlin. Das Thema Dämpfung kam deshalb als selbiges auf, weil Tierversuche nahelegten, dass das Laufen auf hartem Untergrund zu Gelenkschäden führt. Allerdings wurde dieser Zusammenhang für den Menschen nie eindeutig nachgewiesen. Im Gegenteil: Durch die Dämpfungssysteme in den damals modernen Sportschuhen sind die Erkrankungen des Bewegungsapparates, die vom Laufen herrühren, nicht zurückgegangen. Nach diesen Erkenntnissen wiederum widmeten sich Sportmediziner verstärkt der Pronationskontrolle. Die Pronationskontrolle ist ein stabilisierende Element an der Innenseite des Schuhs, die ein zu starkes Einknicken des Fußrandes nach innen (die so genannte Überpronation) verhindern soll. Ein solches Einknicken belastet Sehnen, Bänder und Gelenke. Doch auch diese Pronationskontrolle hat keinen nachweislichen positiven Effekt auf die laufassoziierten Beschwerden.

Blick zurück für den idealen Laufschuh

Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ist es nun kein Wunder, dass es bezüglich des idealen Laufschuhs eine Bewegung zurück zu unseren Ursprüngen gibt. Denn nach der Entwicklung des aufrechten Ganges waren unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren barfuß unterwegs. Dabei wurden täglich zwischen 20 und 50 Kilometer zurückgelegt. Aus heutiger Sicht für viele eine ordentliche Distanz, aber für Langstreckenläufer kein unübliches Trainingspensum. Natürlich ist es in unseren Breitengraden und bei den vorhandenen Laufuntergründen nicht möglich, beim Laufsport gänzlich ohne Sportschuhe auszukommen. Doch die neuen Barfuß-Schuhe bieten den Vorteil, dass auf stützende und dämpfende Elemente größtenteils verzichtet wird und stattdessen die Schuhe nur Minimalfunktionen wie Schutz vor Kälte und Verletzungen gewährleisten. Die Schuhe stellen auf der anderen Seite wieder neue Anforderungen an unsere Füße. Da die Menschen hierzulande an das Tragen von Schuhen mit ihrer wortwörtlichen Unterstützung gewohnt sind, müssen die Füße nun wieder Halte- und Stabilisierungsaufgaben übernehmen. Dies kann unter Umständen zu Muskelkater, Knochenödeme sowie Überlastungsbeschwerden an Bändern und Gelenken führen. „Laufsportlern ist nicht zu raten, die Barfuß-Schuhe gleich für große Distanzen einzusetzen“, empfiehlt Dr. Zahn. Erst wenn sich die Füße an ihre neuen (alten) Aufgaben wieder gewöhnt haben, können Laufgeschwindigkeit und -strecke gesteigert werden. Die Anpassungsgeschwindigkeit der Füße ist dabei abhängig vom Alter, Geschlecht und der Lauferfahrung des Sportlers. Interessanterweise verändern die Barfuß-Schuhe auch den Laufstil. Bei klassischen, dämpfenden Laufschuhen wird der Fuß zuerst mit der Ferse aufgesetzt. Dieser Fersenaufprall erfordert eine verstärkte Dämpfung in diesem Bereich des Schuhs. Sportmediziner raten seit Jahren diesen Fersenaufprall beim Laufen möglichst gering zu halten und der neue Schuhtrend bewirkt nun von ganz allein eine Umstellung des Laufstils. Denn mit den Barfuß-Schuhen wird der Fuß automatisch flacher aufgesetzt und somit der Fersenaufprall reduziert. Neben den erwähnten biomechanischen Vorteilen überzeugen die Barfuß-Schuhe in puncto Fußfehlstellungen wie Hallux valgus oder Krallenzehen. Läufer mit diesen Fehlstellungen haben nämlich in klassischen Laufschuhen oftmals Beschwerden. Die Barfuß-Schuhe bestehen aus einem weichen Obermaterial, das sich selbst extremen Fehlstellungen gut anpasst. Nicht geeignet sind jedoch die Schuhe für Läufer mit Weichbettungen oder Schuhzurichtungen. Gleiches gilt für Laufsportler mit Einlagen.